Philipp Catterfeld
Freibadnovelle
Textprobe 2005:
~ 15 von 87 Seiten
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Auskoppelung (mp3)
Montag
~ Immer wenn die Sonne scheint, komme ich mit meinen Klappstuhl hierher. Baden
gehe ich nie, höchstens mal unter die Brause. Natürlich könnte
ich mich auch im Park sonnen, doch in meinem Alter als Frau halbnackt in der
Öffentlichkeit herumzusitzen, das schickt sich nun mal nicht. Hier ist
es auch viel netter, man fühlt sich fast ein bisschen aufgehoben, die vielen
Leute, Familien, Mütter mit ihren Kindern, Schüler, Studenten und
ab fünf die Angestellten. Vor allem die Älteren kenne ich schon lange.
Auch wenn man sich nicht mit jedem unterhält, weiß man doch, mit
wem man es zu tun hat. Im Übrigen wusste ich gleich, dass da Liebe im Spiel
ist. Wissen Sie, wenn man so alt ist wie ich und den ganzen Tag Roman-Hefterl
liest, kann einem das nicht entgehen. Gleich als der junge Mann da hereinspazierte,
so leicht und elegant in seinem feschen weißen Tennisdress, war da etwas,
eine Spannung, elektrisierend. Jeder, der etwas von der Liebe versteht, hätte
das gespürt.
~ Die ist mir sofort aufgefallen. Jesusnein, war die kess. Und geschämt
hat die sich ja überhaupt nicht. Also, wie die sich in der Sonne gewunden
hat, dabei ist sie gar nicht braun geworden. Ist halt mehr so ein blasser Typ
gewesen, mit jeder Menge Sommersprossen. Herrgott noch einmal, kein Mann, dem
sich der kleine Treibauf nicht ins Hirn hineingebrannt hätte. Eines Tages,
ich habe mir gerade eine Halbe vom Kiosk geholt, ist sie dagelegen, steif wie
ein Brett. Ihre Freundin hat alle daumenlang auf sie eingeredet. Aber die Kleine
ist weiter flach auf dem Handtuch liegen geblieben, als wie wenn sie unter eine
Planierraupe gekommen wäre. Also irgendwann hat sie dann was gesagt, so
in den Himmel hinein, als täte sie zum lieben Gott sprechen. Ihre Freundin
hat sich daraufhin umgeschaut, unauffällig, aber Mai, halt so ungeschickt,
dass es mir gleich aufgefallen ist. Ja und dann? ... dann hat sie ihn gesehen.
Sapperlott, da war mir sofort alles klar.
~ Boah, dieser Maid in Nöten wäre ich gern mal lecker unten beigekommen.
Das wäre voll Feinchen gewesen. Die Cremeschnitte, moah, so was von deliziös.
Und dann noch ins Mokkastübchen, woah, der Traum meiner schlaflosen Nächte.
Ihre Freundin gleich dazu, die feiste Schnecke. Der P. steht voll auf die. Moah,
mit Busen. Der Porno-P. steht wucki nett auf die hard bodies. Der ist what scheint's
globophil.
~ Anna und ich, wir waren die besten Freundinnen. Und sie erzählte mir
alles. Und an dem Montag, ich weiß noch, ich hörte gerade die CD,
die mir der Jean-Claude gekauft hat, und da war sie auf einmal ganz anders als
sonst. Überhaupt nicht chillig. Und das passte gar nicht zu ihr. Sie konnte
sonst nichts aus der Bahn werfen. Und auf einmal ... ich wollte natürlich
wissen, was los war. Sie sagte aber erst gar nichts, und dann, ich solle mal
rüberschauen zu dem Typen in den weißen Shorts. Und zwar so, dass
er es nicht merkt. Bis ich ihn dann links neben den Mülleimer gefunden
hatte, und das dauerte natürlich. Ich kam mir vor wie eine Spionin. Und
als ich ihn dann sah, liest der Typ. Aber hübsch war er. "Der mit
den süßen Kotletten?", frage ich sie. Und sie: "Mhmm".
"Und der schmalen Nase?" "Jaha." "Und mit den dunklen
Haaren auf dem nicht vorhandenen Bauch?" Um nicht zu lachen, biss sie sich
auf die Lippe. Dabei lag sie immer noch flach da und schaute in den Himmel.
Und schließlich presst sie sich ein "Hör auf, der spannt doch
noch was!" ab. Aber da hätte es schon mehr gebraucht, so wie der las.
~ Vermutlich war sie sogar der Grund, weshalb ich es überhaupt auf mich
nahm, die Bücher für meine Rezensionen hier im Schwimmbad bei 30 Grad
und mehr zu lesen, anstatt, wie in den Sommern zuvor, in meinem Kellerabteil.
Dort war es auch im Hochsommer kühl. Und auch wenn meine Nachbarn mich
immer noch korrekt grüßten, schadete es wohl doch meinem Ansehen,
wenn sie am Wochenende oder am Nachmittag ihre Schlauchboote, Luftmatratzen
oder auch nur kühles Bier holten und mich sahen, wie ich in meiner Holzzelle
Pfefferminztee trinkend in dem alten Cordsessel saß und mir ein Buch nach
dem anderen vornahm. Aber wegen dieser Banausen habe ich diese muffige Sommerfrische
nicht aufgegeben. Nein, ich bin ihr gefolgt, öfters, seit ich sie das erste
Mal gesehen habe sie hat es nicht gemerkt einmal auch bis vor
das Schwimmbad, dann wusste ich ja, wo ich sie finden würde. Ihr Anblick
entschädigte mich für die Hitze, für das geringere Pensum, für
den Verdienstausfall. Wenn ich über die Buchseiten strich, spürte
ich ihre Haut. Sie war weiß, auch wenn sie sich jeden Tag etwas mehr verfärbte.
Ich hatte schon darüber nachgedacht, alte Taschenbücher aus Papier
minderer Qualität, wenn nicht zu lesen, so doch wenigstens mitzunehmen.
Sie haben die gleiche Färbung, im Laufe der Jahre wurden auch ihre Seiten
immer dunkler.
~ Sie hat schöne dunkle Locken, und immer, wenn ich vorbei gehe, sagt sie:
"Na Süße? Wie geht's?" Ich sage dann: "Gut",
und laufe schnell weiter. Ihre Freundin ruft dann immer: "Hey, wohin so
eilig?" Aber ich habe auch eine Freundin. Die heißt Greta. Und ich
bin auch schon verliebt. Doch. Ich sag aber nicht in wen.
~ Es ist echt irre. Ich meine, so richtig glaubt mir ja sowieso keiner, wenn
ich davon erzähle. Es ist ja auch ein bisschen so eine Art Sucht oder zumindest
eine schlechte Angewohnheit. Nicht so richtig schlecht, aber irgendwie unmoralisch,
weil es ist ja fast wie Gedankenlesen und die Gedanken sind doch frei?
Eigentlich erzähle ich deshalb auch nicht gleich jedem davon. Die meisten
denken ja erst mal, dass ich total bekloppt bin. Und wenn ich ihnen dann erzähle,
was sie träumen, schreien sie: "Nein!", und: "Was bildest
du dir ein!" Oder sie werden ganz cool, und sagen: "Ach wirklich,
das ist aber interessant", und: "Hast du das öfters?", oder:
"Warst du schon beim Arzt?" Da merke ich dann, dass es ihnen voll
unangenehm ist. Aber wieso sollte es das sein, wenn ich mir alles bloß
einbilde? Ich bleibe dann lieber sacht, weil viele ziehen sich sonst zurück.
Manchmal verplappere ich mich aber auch, und dann denken sie, irgendjemand,
dem sie sich anvertraut haben, hat mir von ihren Träumen oder Wünschen
erzählt. Das gibt dann oft eine Menge Ärger. Vor allem mit Männer
klappt es auch nicht so gut, wenn man weiß, was sie träumen: Oft
richtig perversen Schweinkram. Eigentlich tun sie mir total leid. Ich glaube,
die meisten wollen gar nicht solche Säue sein. Aber Verständnis für
ihre geheimen, kranken Phantasien ach nein, lassen wir das lieber. Jedenfalls
gehe ich wegen dieser in Gänsefüßchen Gabe gerne
hierher. Hier ist es anonym, hier fällt es auch nicht weiter auf, wenn
ich ein Nickerchen mache. Oft träume ich ja nur so im Dämmerzustand
auf der Schwelle zum Schlaf, da hat man noch relativ viel Einfluss. Aber manchmal
schlafe ich richtig fest ein, dann überschreite ich die Grenze in das fremde
Traumland und bin der Phantasie des anderen voll ausgeliefert. Ich habe schon
oft versucht, so wie andere Leute auch, im Freibad zu lesen oder Walkman zu
hören. Doch mittlerweile schlafe ich nachts sogar extra wenig, damit ich
tagsüber besser fremde Träume träumen kann. Denn jeder Mensch
ist ein Abgrund, total auch wenn das Freibad eigentlich nicht der Platz
für schlechte Träume ist. Vor allem kann ich mir hier meine Kandidaten
vorher ganz genau anschauen: Sie haben fast nichts an und sie laufen auch nicht
gleich wieder weg.
Als der Typ mit den schwarzen Locken kam, hatte ich mich im Traum eines dicken
Mädchens gerade durch einen Berg grünen Avocadopuddings mit Schokoraspeln
gefuttert. Ich fühlte mich dementsprechend satt und überlegte noch:
wieso Avocado? Dabei setzte ich mich auf, und sah, wie er sich, direkt vor mir,
sein weißes Poloshirt über den Kopf zog. Ich sah ihm ins Gesicht
und er lächelte mich an, ganz natürlich, offen, scheinbar ohne Hintergedanken.
Er war ein schöner Mann, gepflegt, er hatte bestimmt Geschmack. Statt ins
Wasser zu gehen, habe ich mich dann doch noch mal hingelegt.
~ Komischer Knilch, der. Hockt da und liest. Den ganzen lieben langen Tag. Durch
nichts aus der Ruhe zu bringen. Wie ein weiser alter Mann. Dabei war er höchstens
so alt wie ich. Um ihn herum wackeln die hübschesten Chicks des Viertels
mit ihren Flügeln, cremen sich die Brust und machen die Keulen auseinander,
damit sie auch innen braun werden. Was gibt's denn da zu lesen? Wenn es zum
Schluss nicht anders gekommen wäre, hätte man ihn echt mal aufklären
müssen: "Ey Alter, du verpasst was!" Hätte ihm das Spannen
lehren müssen: "O Mann, guck dir die Ohren an ... was für Schultern!"
Aber die Tuss?, die hatte echt den schärfsten Schnitt hier, ach shit, was
red ich, diesseits vom Bosporus. Wenn man die angucken wollte, musste man sich
vorher auf den Bauch legen. Ey, grins nicht! Wenn die meine Schwester wär,
würde die zu Hause bleiben. Aber sicher.
~ Von weitem konnte ich erkennen, dass er "Wuthering Heights", also
"Die Sturmhöhe" von Emily Brontë las die blassgrüne
Taschenbuchausgabe vom Inselverlag. Es war entsetzlich heiß, aber dieses
Buch ist trotz aller Passion so dunkel und kühl wie ein Stück Moos.
Die Luft flimmerte, aber ihn lesen zu sehen, war angenehm. Auf der anderen Seite
des Papierkorbs spielten ein paar Studenten Fußball, doch er ließ
sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Selbst wenn er versehentlich vom Ball
getroffen wurde, zuckte er nur kurz zusammen, blickte den, der den Ball holte,
freundlich an und las weiter. Dabei saß er fast immer auf seiner Bastmatte,
ein Knie auf Brusthöhe und das Buch vor dem anderen Fuß. Wenn er
sich hinlegte, richtete er sich nach ein paar Minuten wieder auf. Die Oberschenkelmuskeln
der beim Sitzen abgewinkelten, stark behaarten Beine traten deutlich hervor.
Obwohl er sehr schlank war, warf sein Bauch eine Reihe von kleinen Falten. Und
links und rechts von dem Haarwulst, der aus seiner Hose über den Bauchnabel
kroch, um wie ein Flußdelta auf seiner Brust auszulaufen, hatte die Sonne
langsam ein Tigermuster gezeichnet. Das Sonnenlicht auf den Buchseiten blendete
ihn, doch er trug keine Sonnenbrille. Er war jung und kniff die Augen einfach
etwas zusammen. Noch war er mit seinen Gedanken im Norden Englands des Jahres
1801.
~ Sie heißt Anna. Ich weiß das. Ihre Freundin nannte sie so. Denn
ehrlich gesagt, schaute ich ihr schon seit Mai, als das Freibad aufgemacht hat,
hinterher. Und klar: Manchmal hat sie mich angelächelt. Am Eingang hat
sie sogar mal "Hallo" zu mir gesagt. Sie war wirklich süß.
So natürlich und adrett. Ich wollte sie immer ansprechen, habe mich aber
nicht getraut. Ach, sie hätte mir sicher eine Abfuhr erteilt, was anderes
wage ich mir gar nicht vorzustellen. Sie hätte jedem hier eine Abfuhr erteilt.
Ein Freund von mir nannte sie immer "Die Drecksau". Ich fand das übertrieben.
Aber es stimmte schon: Sie geizte nicht mit ihren Reizen. Es gab da eine unsichtbare
Linie. Und kaum hatte man diese Linie überschritten, sah sie einen an,
als wäre man der letzte Primitivling. "Die Drecksau, sie verspricht
alles und hält nichts", sagte mein Freund. Er meinte, sie wusste das.
Ich kann mir das aber gar nicht vorstellen. Wenn sie gewusst, was sie einem
antut, hätte sie dann so grausam sein können? Aber dann trat dieser
Bücherwurm in Shorts auf den Plan, diese nichts und niemanden wahrnehmende
Leseratte. Und alles war vorbei.
~ So was war mir überhaupt noch nicht passiert. Ich träumte, wie er
ins Freibad ging, sich das Hemd über den Kopf zog, und noch bevor er sich
hinsetzte und sein grünes Buch aufschlug, mich anlächelte. Er beobachtete
mich, wie ich mich wieder hinlegte. Ich weiß nicht wieso, aber in seinen
Augen hatten meine rotbraunen Haare eine total unnatürliche orangerote
Farbe. Dann fing er zu lesen an. Als er das nächste Mal zu mir herüber
sah, war ich schon voll weg und träumte seinen Traum: Er also eigentlich
ich stand auf, kam zu mir herüber, legte sich neben mich und strich
mit seiner Hand über meinen Bauch. In seinem Traum wachte ich auf, und
wir küssten uns. Als ich nach dem Kuss die Augen aufschlug, lagen wir nackt
auf kühlem, fast kaltem Moos. Es war total nebelig und nieselte, und obwohl
ich mich wehrte, seifte er also eigentlich ich mein Gesicht mit
torfigem Schlamm ein. Dann lief er also eigentlich ich davon und
ließ sich von mir durchs Moor jagen. Irgendwann waren wir so erschöpft,
dass wir uns auf den nassen Boden legten. Er also eigentlich ich
strich mir mit seiner Hand über meinen warmen Bauch. Dann liebten wir uns.
Als er also eigentlich ich in mich eindrang, gab der Boden nach
und wir sanken langsam ein. Vielleicht hätten wir uns retten können,
wenn wir beide nicht so wahnsinnig spitz aufeinander gewesen wären. Mein
Lustschrei schlug noch Blasen im Matsch. Ich konnte spüren, wie sie an
seinem also eigentlich meinem Gesicht nach oben blubberten. Als
ich aufwachte, bebte ich noch. Er sah mich an. Und ich bin, glaube ich, voll
rot geworden. Eigentlich hätte ja er rot werden müssen, denn schließlich
war es ja sein Traum, den ich da geträumt hatte.
~ Unter der heißen Sonne im Stadtgestade saß er und las, ganz Sklave
Apolls, zufrieden mit dem, was der Buchstaben Kraft unter in seinem Kopf hervorzauberte.
Ein paar Zentimeter drüber aber, in der Glut seiner schwarzen Locken gebar
der Synapsen Rumoren eine dicke Perle aus Schweiß. Diese nahm ihren Weg
über die Schläfe hinab am Ohr vorbei, kreuzte beizeiten die Ader am
Hals, um nicht vom Schlüsselbein aufgehalten und vom Tagesgestirn verdampft
zu werden. Ein kurzer Steilhang, dann wurde es mühsam. Fast verlor sich
die glitzernde Perle in dem dicken, schweren Strauchwerk. Doch endlich fand
sie den Weg: Des Jünglings Brustwarze ob der unerwarteten Kühle
hart. Sie hing daran, sie sprang, über drei Bauchspalten des vornübergebeugt
Hockenden, um dann in der vierten an Fülle gewinnend den zarten Wulst überwindend
hinabzufahren in das Reich der Verheißung. Doch Polyamid und Elasthan
beendeten jäh ihre Fahrt und saugten sie auf. Das Mädchen aber kannte
die kleine Nebenbuhlerin nicht, sah sie nicht und hätte ihr Schicksal nicht
teilen wollen. All das weiß der alte Bubu, und kündet fröhlich
und zahnlos davon, zu schüren die Leidenschaft im Bade.
~ Anna und ich blieben an diesem Tag nicht so lange. Und obwohl sie sich sonst
überhaupt nicht ruhig halten konnte, lag sie den ganzen Nachmittag bewegungslos
da. Sie schaute in den Himmel, und ich sollte ihn beobachten. Natürlich
schielte ich am Anfang nur ab und zu mal rüber, nicht, dass er was mitbekam.
Er las aber nur. Und ich wette, wenn er aufgeschaut hätte, durch mich hätte
er bestimmt hindurch geschaut. Und dann, als diese Frau neben ihm aufwachte,
sich aufrichtete und sich so betont doof durch die Haare strich, sah er auf
und sie an. Und ich glaube, dass ihr das voll peinlich war. Und das erzählte
ich Anna. Und die wurde richtig sauer. Sie versuchte aufzustampfen. Und weil
sie lag, trat sie ins Leere und ihr Bein platschte auf das Handtuch. Und ich
musste lachen denn dass ein Mann Anna nicht wahrnahm, das gab es eigentlich
gar nicht. Und dann wollte sie unbedingt sofort gehen. Und dann gingen wir.
~ Ganz zufällig bleibt der Ball vor ihr liegen, und sie drischt dagegen,
aber wie. So, dass das Ding über die Hecke ins Schwimmerbecken eiert, und
ihr roter Clog fast hinterher. Hot, hot, hot, kann ich nur sagen. Der Temel
geht auf sie zu, will sich beschweren, da fängt sie an, ihre Badetasche
kreisen zu lassen. Ein Vulkan vorm Überkochen, ich schwör. Alles,
was sonst so schön spannte und wackelte unter ihrem blauen Kleidchen, zitterte
nun mit jedem Aufstapfen. Ich dachte: Kraahass, wahrscheinlich hat ihr ihre
speckige Freundin erzählt, dass sie auch bald so aussehen wird wie sie,
oder sonst irgendeine Katastrophe oder, dass ich auf sie steh, könnt
auch sein.
~ Wie sie so mit Leidenschaft gegen den Ball trat und dann die Rotblonde ansah,
als ob sie ihr gleich die Augen auskratzen würde, da wusste ich, dass sie
am nächsten Tag wieder kommen würde. Nicht beachtet zu werden, das
ist für eine schöne junge Frau nun mal das Schlimmste. Etwas, das
sie nicht auf sich sitzen lassen kann. Zumal die Rotblonde, die direkt vor mir
lag, ihre große Schwester hätte sein können. Womöglich
dachte sie sogar, er hatte sie auf Grund ihres Alters nicht für voll genommen.
Wie dumm. In meinem Alter sind einem die Herren der Schöpfung erst gewogen,
wenn man ihnen ein saftiges Stück Schweinsbraten mit schönen großen
Knödeln kredenzt.
~ Ich hatte keine Ahnung, was das Mädchen in dem blauen Hängekleidchen
von mir wollte. Aber ich hatte auch kein gutes Gefühl. Als sie und ihre
Freundin, noch bevor die Nachmittagshitze nachgelassen hatte, gingen, war sie,
glaube ich, total wütend. Vielleicht war sie eifersüchtig wegen des
gut aussehenden Typen mit dem Moor-und-Moos-Traum. Sachte, sachte, dachte ich
mir. Also wenn die von dem Traum gewusst hätte, wäre sie doch bestimmt
sofort geplatzt.
[...]
Freitag [Vorsicht! Auflösung!]
[...]
~ Der Blitz schlug ein. Und das kleine Mädchen weinte. Und Anna war sofort
tot. Und er auch.
~ Als wir alle im Regen vor dem Becken standen, hatte ich ein schlechtes Gewissen.
Mit wieviel Lebensfreude waren sie davon gestoben hundert Meter weiter
waren sie tot. Meine Eifersucht kam mir lächerlich vor. Der Blitz hatte
nicht nur meinen Nebenbuhler erwischt, sondern auch sie. Vielleicht darf es
so viel wortloses Glück nicht geben. Selbst die Pflege meiner heimlichen
Zuneigung erschien mir plötzlich, wie soll ich sagen: Verboten. Das Reden
darüber, zu dem Sie mich hier anleiten, empfinde ich als schmutzig. Hatte
ich mich nicht alt gefühlt? Doch nun lebe ich immer noch. Wäre der
Blitz in die Ahornbäume gefahren, sie wären verliebt zurückgekehrt,
um ihre Sachen zu holen, und alle Zeugen ihres Begehrens hätten tot im
Gras gelegen: Was für ein Vorzeichen, was für eine Bürgschaft!
Aber auch dann hätte sie wohl keine Notiz von mir genommen.
~ Kreuzbirmbaum und Holunderstauden, was für ein Pech. Wenn man so lebt
wie ich, beschäftigt man sich ja schon viel mit Wahrscheinlichkeiten. Also
ich zum Beispiel sterbe mit einer Wahrscheinlichkeit von knappen 40 Prozent
innerhalb von fünf Jahren, wenn ich so weiter saufe wie bisher. Oder mit
einer Wahrscheinlichkeit von ungefähr 82 Prozent innerhalb von zehn Jahren.
Würde ich allerdings überhaupt nicht saufen, würde ich immer
noch mit einer Wahrscheinlichkeit von knappen 50 Prozent in den nächsten
zehn Jahren sterben. Also 32 Prozent so gesehen, ist Saufen gar nicht
so schlimm. Und wenn es Gaudium macht und man sonst mit sich und der Welt und
vor Gott im Reinen ist? Ich meine, mein Bub erbt, der freut sich doch. Aber
die Wahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden, ist etwa so groß
wie einen Lotto-Jackpot zu gewinnen. Also bei allen Heiligen, da muss schon
noch was anderes im Spiel gewesen sein. Skurril war auch, dass die beiden gar
nicht so elendiglich ausgesehen haben. Sie sind auf dem Rücken im Wasser
geschwommen, die Augen auf, Chlorwasser ist ihnen ins Maul hinein und auch wieder
hinaus gelaufen. Also die haben keinen Toten Mann gemacht, um uns auf den Arm
zu nehmen. Beim Heiligen Florian, verdient hätten wir es ja. Trotz des
Regens lag ein ganz eigenartiger Geruch in der Luft über dem Becken, ein
bisschen wie Boeuf à la mode. (Der Befragte nimmt einen großen
Schluck aus seiner Bierflasche.) Ein typischer Kantinengeruch.
~ Obwohl sie schon ein paar Meter auseinander im Becken schwammen, bin ich mir
ganz sicher, dass sie glücklich gestorben sind. Und das ist nun mal nicht
jedem vergönnt. Doch auch im Leben hätten sie so gut zusammen gepasst
glauben Sie einer alten Frau wie mir. Wenn das nicht passiert wäre,
hätten sie geheiratet, Kinder bekommen, Leo hätte gearbeitet, Kathi
wäre eine großartige Mutter und Hausfrau geworden. Als Arzt oder
Anwalt hätte er bestimmt sehr gut verdient. Sechs Kinder hätten sie
gehabt, mindestens. Und wie viele Enkel? Sechzig Jahre später wären
beide innerhalb von wenigen Tagen glücklich und zufrieden gestorben. Also
ich hätte ihn nicht mehr losgelassen. Nie mehr.
~ Gibt es einen schöneren Tod, als verliebt zu sterben? Wie viele Alpträume,
gelebte und geträumte, sind ihnen erspart geblieben? Vor allem: Wer jung
stirbt, wird nicht älter. Nie werden sie sich rechtfertigen müssen,
dass sie auch noch da sind dass sie den ganz speziellen Konsumterror,
die Parties und die angesagten Drogen ihrer Generation tatsächlich überlebt
hat.
~ Temel, Big Leila und ich haben viel über Ferdinand und Anna geredet.
Dabei kamen wir auf höhere Mächte zu sprechen. Vielleicht, weil wir
so unmittelbar nah dran waren, besonders Leila. Sonst wäre uns alles viel
zu absurd erschienen. Wir fragten uns: Hat der Teufel diesen Blitz in das Schwimmerbecken
knallen lassen? Oder war es Gott? Temel und ich waren für den Teufel: Sich
nur anzuschauen und sich dabei zu vergucken, das kann doch nur sein Werk sein.
Big Leila aber favorisierte Gott: "Ist es nicht das reinste Glück,
sich nur anzuschauen und zu erkennen, dass man für einander bestimmt ist?"
Sie stellte sich vor, dass Gott die zwei direkt ins Paradies geholt hatte. "Beim
Teufel würden sie braten, aber wenigstens postmortalen Sex haben,"
meinte Temel. Dazu Leila: "Du perverses Schwein, du!" Und Temel: "Ruhig
Blut, Kleine, uns wird der Teufel bestimmt nicht gleich holen." Dabei kniff
er ihr wie zur Abwehr aller höheren Mächte vor meinen
Augen in ihren großen, runden Arsch. Im Paradies, stellten wir uns vor,
würden Anna und Ferdinand bis in alle Ewigkeit glücklich über
Wiesen und Bäche springen allerdings im Sonnenschein. Big Leila
fand das schön. Aber ist es nicht irgendwie krass, dass man sich die Ewigkeit
immer nur als endlose Wiederholungen von irgendwas vorstellen kann. Also mal
ganz ehrlich: Man muss doch grenzdebil sein, wenn man im Über-Wiesen-Hüpfen
ewiges Glück finden möchte.
~ Als wir dann vorne waren, hat das halbe Becken noch geblubbert. Überwältigt
von dem what scheint's jähen Ende dieser Liebe waren wir uns what scheint's
bewusst, dass weder die verwehte Lady noch der alte Mann mit dem Fisch wucki
en vogue sein könnten. Also reimten der P. und ich folgenden inversen Abzählvers.
Gerne tragen wir ihn bei passender Gelegenheit gemeinsam, traurig-ernst und
abwechselnd vor:
P.: Stärker als die Liebe,
stärker als die Triebe,
stärker auch als Starkstrom gar
dieser Schicksalsstromschlag war.
Ich: Hunderttausend Kilovolt!
Als die Wellen ausgerollt,
erkennt Ihr gleich vom Beckenrand:
Kuss, Blitz, zweimal Herzstillstand.
P., pathetisch als Frau: Als sterbende Maid, halbnackt,
hab' ich ins Becken gekackt.
Ich, ähnlich: Ich schrie recht hoch "Au weia!" noch,
mit Eiern, bereits hart gekocht.
P.: So'n Blitz im Beckenwasser, ...
Ich, auf ihn deutend: ... Maidenhintern, blasser, ...
P., auf mich deutend: ... plus ein beles'ner Ritter ...
P. und ich: ... ergeben schwuppdiwuppe!
fünfhunderttausend Liter ...
Etwas fröhlicher: ... kräftige Liebessuppe.
Enemene Schamhaar,
es ist genug für alle da.
~ Papa hat gesagt, dass wir Glück gehabt haben. Und dann hat Papa noch
gesagt, dass so etwas schon passieren kann, wenn man verliebt ist. Hoffentlich
passiert mir so etwas nicht mit dem Elias ... oder dem Bruno vom Kindergarten.
[...]
~~ Montag 3 ~ Ältere
Dame 3 ~ Biertrinker 3 ~ Freund vom Porno-P. 4 ~ Leila 4 ~ Rezensentin 5 ~ Greta
6 ~ Traumfrau 6 ~ Mehmet 8 ~ Rezensentin 8 ~ Jemand, dessen Freund Anna Die
Drecksau nennt 9 ~ Traumfrau 10 ~ Bubu 11 ~ Leila 11 ~ Mehmet 12 ~ Ältere
Dame 12 ~ Traumfrau 13 ~~ Dienstag 14 ~ Traumfrau 14 ~ Bubu 15 ~ Leila 15 ~
Ältere Dame 16 ~ Rezensentin 16 ~ Mehmet 17 ~ Jemand, dessen Freund Anna
Die Drecksau nennt 18 ~ Greta 18 ~ Freund vom Porno-P. 18 ~ Biertrinker 19 ~
Leila 19 ~ Rezensentin 20 ~ Ältere Dame 20 ~ Freund vom Porno-P. 21 ~ Leila
22 ~ Rezensentin 23 ~ Leila 24 ~ Jemand, dessen Freund Anna Die Drecksau nennt
24 ~ Ältere Dame 24 ~ Biertrinker 25 ~ Traumfrau 25 ~ Leila 26 ~~ Mittwoch
27 ~ Leila 27 ~ Biertrinker 28 ~ Mehmet 28 ~ Freund vom Porno-P. 29 ~ Jemand,
dessen Freund Anna Die Drecksau nennt 29 ~ Mehmet 30 ~ Ältere Dame 31 ~
Traumfrau 31 ~ Leila 32 ~ Mehmet 33 ~ Rezensentin 33 ~ Greta 34 ~ Bubu 35 ~
Freund vom Porno-P. 35 ~ Biertrinker 36 ~ Jemand, dessen Freund Anna Die Drecksau
nennt 37 ~ Leila 37 ~ Ältere Dame 38 ~ Greta 38 ~ Rezensentin 38 ~ Biertrinker
39 ~ Freund vom Porno-P. 39 ~ Jemand, dessen Freund Anna Die Drecksau nennt
40 ~ Traumfrau 41 ~ Mehmet 41 ~ Leila 43 ~ Ältere Dame 43 ~ Mehmet 44 ~
Bubu 44 ~ Leila 44 ~ Biertrinker 45 ~~ Donnerstag 46 ~ Biertrinker 46 ~ Freund
vom Porno-P. 46 ~ Mehmet 47 ~ Leila 48 ~ Rezensentin 49 ~ Jemand, dessen Freund
Anna Die Drecksau nennt 50 ~ Ältere Dame 50 ~ Freund vom Porno-P. 50 ~
Bubu 51 ~ Greta 51 ~ Traumfrau 52 ~ Mehmet 53 ~ Rezensentin 54 ~ Freund vom
Porno-P. 55 ~ Ältere Dame 56 ~ Leila 56 ~ Bubu 57 ~ Biertrinker 57 ~ Mehmet
58 ~ Jemand, dessen Freund Anna Die Drecksau nennt 59 ~ Leila 59 ~ Freund vom
Porno-P. 59 ~ Ältere Dame 60 ~ Leila 60 ~ Mehmet 61 ~ Ältere Dame
61 ~ Rezensentin 62 ~ Jemand, dessen Freund Anna Die Drecksau nennt 62 ~ Freund
vom Porno-P. 63 ~ Ältere Dame 63 ~ Greta 64 ~ Biertrinker 64 ~ Leila 65
~ Rezensentin 65 ~~ Freitag 67 ~ Rezensentin 67 ~ Traumfrau 67 ~ Leila 68 ~
Ältere Dame 69 ~ Mehmet 69 ~ Biertrinker 70 ~ Jemand, dessen Freund Anna
Die Drecksau nennt 71 ~ Leila 71 ~ Freund vom Porno-P. 71 ~ Bubu 72 ~ Greta
72 ~ Rezensentin 73 ~ Freund vom Porno-P. 74 ~ Ältere Dame 74 ~ Mehmet
75 ~ Jemand, dessen Freund Anna Die Drecksau nennt 75 ~ Traumfrau 76 ~ Biertrinker
76 ~ Ältere Dame 77 ~ Rezensentin 78 ~ Leila 80 ~ Freund vom Porno-P. 80
~ Jemand, dessen Freund Anna Die Drecksau nennt 80 ~ Mehmet 81 ~ Leila 81 ~
Rezensentin 81 ~ Biertrinker 82 ~ Ältere Dame 83 ~ Traumfrau 83 ~ Mehmet
83 ~ Freund vom Porno-P. 84 ~ Greta 85